Stellungnahme von Dr. Harald Walser, Bildungssprecher, Die Grünen

Was bedeutet für Sie persönlich Medienkompetenz?

kritischer Umgang mit den Medien in rezeptiver und produktiver Hinsicht

Welchen Stellenwert hat Medienbildung im Programm ihrer Partei?

Das Grundsatzprogramm der Grünen wurde bereits im Jahr 2001 verabschiedet und behandelt das Thema noch nicht. In diversen Unter- und Wahlprogrammen wurde jedoch immer öfter und stärker auf den Medienbereich referiert und die Wichtigkeit von Medienbildung betont.

Wieweit kann Medienkompetenz aus Ihrer Sicht zur gesellschaftlichen und insb. politischen Teilhabe beitragen?

Medienkompetenz war und ist ein gewichtiger Teil von Politischer Bildung und ist demzufolge auch Voraussetzung dafür, an demokratischen Prozessen teilnehmen zu können. Erweitert hat sich diese Möglichkeit die digitalen Medien. Diese können – richtig eingesetzt – per se zu einer bildungsmäßigen und gesellschaftlichen Demokratisierung beitragen: im Bildungsprozess, indem etwa die zentrale Stellung der Lehrpersonen schwindet und die Autonomie der Lernenden gestärkt wird. Auf der gesellschaftlichen Ebene, indem beispielsweise Bürgerbeteiligungsprozesse (Stichwort „e-Partizipation“) gefördert werden.

Was ist Ihrer Meinung nach notwendig, um wirklich Menschen die gleichen Chancen auf Zugang und Mitgestaltung in allen medial kommunizierten Gesellschaftsprozessen und demokratischen Diskursen zu ermöglichen?

1. Grundvoraussetzung dafür ist ein Zugang zu den Medien und dies durch die Netzneutralität auf gleichberechtigte Art und Weise.
2. Die Schulung von Medienkompetenz, um mit dem Angebot der sog. „Wissensgesellschaft“ umgehen zu können.

Wo sehen Sie die zentralen Handlungsfelder für Medienpädagogik? Für welche dieser Handlungsfelder beurteilen Sie den Ist-Zustand der Medienkompetenzvermittlung als ausreichend? Wo orten Sie den größten Entwicklungsbedarf, um „Medienbildung für alle“ sicher zu stellen? In welchen schulischen und außerschulischen Strukturen kann aus Ihrer Sicht Medienkompetenz vermittelt werden? Können Sie dazu besonders gelungene Beispiele benennen? Welche Maßnahmen in der Aus- und Weiterbildung der in den Bildungsinstitutionen arbeitenden Menschen könnten aus Ihrer Sicht die Vermittlung von Medienkompetenz verbessern und sicher stellen? Wurde aus Ihrer Sicht „Medienpädagogik“ im Rahmen der „PädagogInnenbildung NEU“ ausreichend berücksichtigt?

Zentrales Handlungsfeld ist erstens die Schulung der Lehrenden in der Aus- und Weiterbildung: Wir haben erstmals die Situation, dass die Nutzung von Medien in bestimmten Feldern von den Lernenden intensiver erfolgt als seitens der Lehrenden (Stichwort: „digital natives“). D.h., dass die Lehrenden ständig Gefahr laufen hinterher zu hinken.

Die Einordnung von Medienberichten war immer wesentlicher Bestandteil von Medienpädagogik. Da jedoch vergleichsweise relativ wenige Medien im Angebot waren und der Zugang beschränkt war, fielen Umgang und Einschätzungen leichter. Allerdings fand kritische Medienerziehung auch im vordigitalen Zeitalter zu wenig statt, weil die Herkunft von Medienmeldungen auch in Lehrendenkreisen wenig bis gar nicht bekannt war. (Wer wusste etwa, von welchen Nachrichtendiensten der staatliche Rundfunk ORF in welchem Umfang seine Meldungen bezog?)

Heute hat sich die Situation durch das Internet dramatisch geändert. Es wird suggeriert, der Zugang zu Information sei demokratisch. Umfragen aus den USA belegen jedoch, dass ca. 30% der Bevölkerung Nachrichten ausschließlich aus Facebook beziehen. (vgl. Mitchell, Amy et al: The Role of News on Facebook (24.10.2013), online: http://www.journalism.org/2013/10/24/the-role-of-news-on-facebook) Die auf schnell konsumierbare „News“ ausgerichtete Website BuzzFeed (etwa 120 Millionen NutzerInnen pro Monat – Tendenz steigend) vermeldet einen sprunghaften Anstieg von UserInnen, die via Facebook auf Meldungen von BuzzFeed geleitet werden. (vgl. Kafka, Peter: The Year Facebook Blew Past Google (2.2.2014), online: http://recode.net/2014/02/02/the-year-facebook-blew-past-google) Dass nun Inhalte selbstbestimmt aus dem Internet bezogen werden, wie es von zahlreichen BefürworterInnen sozialer Medien immer wieder vorgebracht wird, muss nun angesichts dessen, dass Facebook die Nachrichten für seine UserInnen vorfiltert (durch nicht nachvollziehbare Algorithmen) stark bezweifelt werden.

Die zentralen Handlungsfelder bestehen daher:
a. zu lernen, wie Meldungen zustande kommen und wer sie mit welchen Interessen verbreitet
b. welche Informationsangebote es abseits des Mainstreams gibt
c. Medien nicht nur rezeptiv zu konsumieren, sondern auch produktiv in den Medienprozess einzusteigen

Selbstverständlich hat es immer Best-Practice-Beispiele gegeben, wie beispielsweise „Zeitung in der Schule“, „Schülerradio“ (wo rezeptive und produktive Kompetenzen geschult werden). Projekte in dieser Art können heute durch die Digitalisierung viel einfacher und vor allem auch kostengünstiger realisiert und veröffentlicht werden. Herauszuheben sind Fortbildungsplattformen, die die digitalen Medien nützen und mit ihnen arbeiten (z.B. http://www.virtuelle-ph.at), kritische Blogs wie www.kobuk.at, usw.

Die Curricula für die „PädagogInnenbildung neu“ stehen noch nicht fest. Diversen Berichten ist jedoch zu entnehmen, dass Medienbildung zu wenig berücksichtigt wird.

Hat aus ihrer Sicht die Urheberrechtsnovellierung 2013 dazu beigetragen, dass nichtkommerzielle Medienproduktionen leichter und rechtssicherer veröffentlicht werden können? Ist es für Sie denkbar, die freie Werknutzung auf den gesamten Bildungsbereich bzw. auf alle nichtkommerziellen Nutzungsbereiche auszudehnen?

Die Urheberrechtsnovelle hat für den Bildungskontext de facto keine Rechtssicherheit gebracht. Daher ist es notwendig, hier eine Regelung zu finden, die verhindert, dass Lehrende Klagen wegen potentieller Verletzung des Urheberrechts riskieren.

Welche Möglichkeiten sehen Sie für eine mittel- und langfristig, nachhaltige finanzielle Sicherstellung von Bildungsangeboten zur Förderung von Medienkompetenz für alle Menschen?

Ich bin hier– zumindest kurz- und mittelfristig – nicht sehr optimistisch, da das Bildungsbudget bekanntermaßen gekürzt wird. Zu fördern wäre neben einer ausreichenden technischen Ausstattung von Bildungseinrichtungen und Lernenden (Tabletklassen, etc.) ebenfalls die Produktion von freien Bildungsmaterialien (OER). Der Deutsche Bundestag hat hierfür jüngst ein Zusatzbudget von 2 Millionen Euro genehmigt, in Österreich tut sich vergleichsweise fast nichts.

Möchten Sie zum Thema „Medienbildung JETZT“ noch etwas ergänzen?

Ich danke „Medienbildung jetzt“ für ihre Initiativen!

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